#33 Entwicklung

Mein Kopf ruht vorsichtig auf dem Betttuch, direkt neben C.s Bauch, der angespannt ist von all der Arbeit bis hierher. Wir haben dann jetzt die Saugglocke mit dem Kreißsaal-Team verabredet. Es ist still im Raum, es besteht kein Grund für Stress, unserer Tochter geht´s gut, sie scheint vollkommen entspannt wie schon die ganze Zeit. Aber irgendwas hakt da, es geht nicht so recht weiter. C. solle noch einige Wellen den Takt angeben, die Ärztin würde mithelfen, würde ziehen von unten, den putzig kleinen Schwamm, der in echt so gar keine Glocke ist, am Schädel von K. 

K. wird also gleichzeitig ins Leben entlassen und ins Leben geholt und mein aufgeregter Kopf ruht auf der Nahtstelle dieser Kräfte. Die erste Welle kommt. "Ich kann die Haare sehen", ruft die Hebamme.

Nach der zweiten kann ich das auch. K.s Köpfchen mit der roten Schnur, die  da oben direkt aus ihr raus zu wachsen scheint. Ihr Gesicht, sie sieht mich an, auf der Schwelle, den Körper noch im Mutterleib, den Blick schon nach außen. Wir sehen uns an.

Ich bin auf der Stelle ergriffen, mitgerissen von etwas, das größer sein muss als wir. Vom Leben, vom Universum, von…Ich weiß es nicht. "Ich kann sie sehen" schluchze ich immer wieder leise.

Die dritte Welle, eine enorme Kraft erfüllt den Raum, Fruchtwasser platscht auf den gekachelten Fußboden. Enorm viel Fruchtwasser. Die Hebamme entwickelt (so heißt das wohl in Hebammensprech) unser Kind mit entschlossenen Handgriffen und wirft es auf C.'s Bauch, ja, sie wirft es!

So scheint es mir.  Ein Klatschen wie ein nasser Fisch, er zappelt nicht, er windet sich nur sanft in Blut und Erstaunen, dieser Körper, den ich sofort berühren muss, mit der fahlbläulichen Nabelschnur, die zwischen den Beinen vibriert. Willkommen!

Es ist der 21.11.2020. 21.05 Uhr zeigt das Display auf dem Wehenschreiber, aus dem das Endlospapier einfach weiter tickert. 

 

 

Thomas (43), Münster

herzblut floss am Anfang. augenblich. ohne Ende.

 

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 1
  • #1

    Veronika-Katharina (Donnerstag, 17 Dezember 2020 23:40)

    So treffend wie du die Atmosphäre im Kreißsaal beschreibst, erinnere ich mich plötzlich an meine Stunden als Gebärende vor über 40 Jahren. Da lag atemlose Stille und doch Spannung im Raum. Ich hörte die Worte der Hebamme "Ich kann schon das Köpfchen sehen" . An dem Satz hat sich seit Jahrzehnten nichts geändert, und plötzlich war es so, als ob die Welt aufhört sich zu drehen. Dann war er da, mein kleiner Sohn. Ein Wunder ! Und genau so ein Wunder ist vor fast 4 Wochen in Münster passiert, und es ist mein drittes Enkelkind. Danke C und T.