#32b Das Buch (Teil2)

Reden ist doch Gold

 Ich buchte als Alleinreisende einen Aktiv-Urlaub, eine Gruppenreise. Vor allem war das etwas für Sportler, aber ein paar Ausflüge für mich waren auch im Programm. Den anderen Kletterern, Surfern und Radfahrern fiel natürlich auf, dass ich mich nach dem Frühstück keiner ihrer Gruppen anschloss, sondern etwas mitgenommene Arbeit durchging. Irgendwann kam abends nach dem Essen der Moment der Wahrheit mit zwei jungen Ärztinnen: Warum ich mir denn kein Fahrrad leihe und mal etwas mehr von der Insel sehe, es muss ja kein Mountainbike sein.

 Ich druckste herum. Die beiden waren mir sympathisch, auch wenn eine von ihnen meist nur lächelte. Also ließ ich die Bombe platzen. Ich kann nicht Fahrrad fahren. Es war mir immer noch unangenehm, es zu sagen.

Ich schaute nicht in weit aufgerissene Augen und wurde auch nicht belächelt. Es war ein positiver Moment, denn die zurückhaltende Ärztin traute sich nun, mir leise und teilweise sehr genuschelt zu erklären, dass sie trotz Hilfsmittel sehr schlecht hören kann und dadurch auch sehr undeutlich spricht. Es klang tatsächlich ein bisschen so, als würde ihre Zunge am Gaumen kleben.

Und dann erzählte sie mir von dem Buch „Das Geheimnis des Fahrradhändlers,“ von dem ich noch nie gehört hatte. Wir lachten den ganzen Abend, machten viele lustige Fotos – und das ohne die ganze Zeit zu reden, zu hören und ein Fahrrad fahren zu können.

Das Buch habe ich mir gleich nach dem Urlaub gekauft, gelesen und mich gefreut, dass ich aus Zufall diesen schönen Tipp bekommen habe. Seitdem macht es mir nichts mehr aus zu sagen:

Ich kann nicht Fahrrad fahren, aber das lerne ich schon noch.

 

Cordelia (41), NRW

herzblut floss gut hörbar, ohne Geheimnis. Und nichts platzte. Nicht einmal ein Reifen. Auch kein Ballon.

 

 

 

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 2
  • #1

    Veronika Katharina (Freitag, 02 Oktober 2020 23:06)

    Hallo Cordelia,
    beim Lesen Ihrer beiden Bücher konnte ich förmlich fühlen, was Sie beim Gestehen der "Schande" nicht Fahrrad fahren zu können, empfunden haben.
    Ich bin inzwischen 70 Jahre und kann noch immer nicht schwimmen, und dieser Makel läuft mir mein ganzes Leben hinterher.

  • #2

    Cordelia (Donnerstag, 08 Oktober 2020 20:20)

    Liebe Veronika Katharina,

    ja, ich kann Sie gut verstehen. Aber genau genommen: Was einem nur hinterher läuft, hat uns noch lange nicht eingeholt - darauf kommt es an. Es gibt einhundert große und ganz kleine Dinge, die Sie (und ich) können, die typisch für uns sind und für die wir sogar geschätzt werden (den weltbesten Sonntagskuchen, Nähkünste ... und das Schreiben von Geschichten nicht zu vergessen!). Niemand kann absolut alles, auch wir nicht. Tja und auch wenn es vielleicht manchmal unangenehm war und ist, nein sagen zu müssen, weil man keine Chance hat, ja zu sagen - es gibt unendlich viele schöne Dinge, die man auch ohne Schwimmflügel oder Fahrrad genießen kann!
    Herzliche Grüße!