"Wer sich erinnert, lebt zweimal"

(Franca Magnani)

Geschichten sind mir wohl schon immer lebenswichtig  gewesen, ihre Schönheit, ihre Wucht, ihre Macht mir intuitiv klar, seitdem ich halbwegs sprechen kann.

Die Geschichten meines Opas sind wohl die ersten, die ich förmlich inhaliert habe, die schnell zu meinen wurden, wenn wir da saßen am Küchentisch, er Kartoffeln schälte und wir beide wie alte Kriegskameraden wissend über "den Kessel" parlierten, neben mir die blumige Tasse mit dem eiskalten Kakao. Da war ich vielleicht drei.

Seine Geschichten sind mir so in Mark und Bein über gegangen, dass ich einmal meine Eltern fast um den Verstand brachte mit den gelispelten "herzSmerzen", die auch mich plötzlich plagten, kaum fünf, und deren Symptome ich so leibhaftig schildern, sie sicher auch spüren konnte. Er hatte mir ja schließlich davon erzählt.

Dem Notarzt bin ich damals nur knapp entkommen, der Liebe zu Sprache im Allgemeinen und den Geschichten, die die Menschen einander erzählen im Besonderen aber nicht. Nie mehr.

In den letzten Jahren ist mir immer klarer geworden, wie wichtig dieses Erzählen, das einander Zuhören ist und vor allem, dass wir die Geschichten sind, die wir (über) uns erzählen.

Und so habe ich mich in den letzten zwei, drei Jahren mehr oder weniger planvoll, aber sehr stringent und intensiv auf sehr unterschiedlichen Ebenen mit Narrationen aller Art beschäftigt: 

  • ich habe verschiedene Kurse im kreativen bzw. biografischen Schreiben belegt, in denen ich mir  Schreiben als direkten Bypass zu meinen Herzensangelegenheiten erschlossen habe 
  • ich habe in Julia Camerons Arbeit im "Weg des Künstlers" den untrennbaren Zusammenhang zwischen Kreativität und Spiritualität be-greifen können und dadurch vor allem die täglichen "Morgenseiten" in mein Leben gebracht
  • ich hatte das riesige Vergnügen, bei den beiden herzblut-Sammlerinnen Mélanie Tripod und Madeleine Bernard eine "herzblut-Infusion" und darin die vitalisierende Kraft besonderer Momente am eigenen Leib erleben zu dürfen (außerdem bin ich den beiden dankbar für die Metapher des "herzbluts", die ich sofort als "auf den Punkt" erlebte und für einige so freundschaftliche herzblut-Begegnungen seither)
  • ich habe seit Anfang 2017 drüben im "frei-schwimmer" zahlreiche  meiner eigenen Geschichten gesammelt (und tue es immer noch) und dabei erlebt, wie erfrischend, tiefgehend und klärend dieses Eintauchen sein kann
  • ich bin total zufällig über und in Mark Riklins "Vätergeschichten" gestolpert und habe festgestellt, wie lustvoll das Erzählen, Sammeln und Archivieren von bedeutsamen Geschichten der unterschiedlichsten Menschen sein kann
  • ich habe viele, viele wundervolle (auto)biographische, bzw. dokumentarische Romane und Filme gelesen bzw. gesehen und mich wieder erinnert, dass die packendsten Geschichten immer noch das "wahre Leben" schreibt
  • ich habe auf über 150 Seiten von drei wunderschönen Jahreskalendern der "Wortfinder"  immer wieder die ganze Poesie kleiner, feiner Geschichten spüren dürfen
  • ich habe in meiner Arbeit die hemmende wie befreiende Kraft von Narrationen, Metaphern und Sprachspielen ein ums andere Mal eindrücklich (mit)erleben dürfen 
  • ich habe Jorge Bucay (wieder)entdeckt und mit ihm die heilsame Kraft von Geschichten
  • ich habe das unvergessliche Glück gehabt, bei Mensch Münster Mensch nicht nur auf der Bühne eine Geschichte aus meinem Leben erzählen, sondern auch alle sechs magischen Abende miterleben zu dürfen
  • Liane Dirks hat mich bestärkt, dass da eine unmittelbare Verbindung besteht zwischen Selbstermächtigung und kreativem Ausdruck, bei und mit ihr habe ich eine ungemein kraftvolle Zwischenetappe auf meiner (Helden)Reise erlebt, mich "ins Leben zu schreiben". Zudem lässt sie mich, lässt sie uns in der der Ausbildung zum LifeScriptCoach  über ihre Schulter auf ihre Arbeit blicken

Diese Einflüsse sind in ihrer Gesamtheit die Inspirationen für die Idee, hier herzblut-Geschichten zu sammeln, sind also gewissermaßen ihre Hauptschlagader, speisen das ganze "Projekt" letztlich mit meinem herzblut.

Wie schon in der herzKammer gesagt, glaube ich felsenfest, dass es wichtig ist und noch immer wichtiger wird, dass wir einander (unsere) Geschichten erzählen. Dass es unsere Welt besser macht und uns wieder dahin bringt, zu begreifen, was alles in uns steckt und was wir vom Anderen lernen können, auch über uns selbst. 

Vor allem aber bin ich überzeugt, dass es sich lohnt, die Geschichten aufzubewahren, sie zu erinnern, sie immer mal wieder hervor zu holen, vielleicht auch weiter zu erzählen, dass sie ein Schatz sind, und darin eine ECHTE Alternative.

 

Also mach ich das jetzt hier einfach mal. Mal sehen, was daraus so wird...